debatte um sexualkunde in schweizer kindergärten   Leave a comment

Kaum je hat ein Artikel so viel Wirbel ausgelöst wie jener über den Sex-Koffer an Basler Schulen. Jetzt nimmt Erziehungsdirektor Christoph Eymann Stellung.
Interview: Philippe Pfister | Aktualisiert um 11:53 | 14.08.2011
So berichtete SonntagsBlick am 22. Mai. Das Unterrichtsmaterial – ein Sex-Koffer mit Plüsch-Vagina und Holzpenis – ging vielen Eltern zu weit.
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SonntagsBlick und andere ­Medien haben über den Sex- Koffer berichtet, der ab Herbst zum Einsatz kommt. Wie viele Protestbriefe gab es?
Christoph Eymann: 
Enorm viele. Insgesamt etwa 3000 Briefe und Karten – die meisten davon vorgedruckt.Also ein organisierter Protest?
Ja.

Kann es Ihnen da noch wohl sein?
Ja. Es ist wohl eine Dummheit, dem Ding Sex-Koffer zu sagen – das werden wir ändern. Bei unserem Ziel aber bleiben wir: den Kindern beibringen, dass Sexualität etwas Natürliches ist. Ohne ihnen etwas aufzudrängen oder den Eltern etwas wegzunehmen.

Viele Eltern verstehen nicht, wa­rum schon im Kindergarten Sexualkunde unterrichtet werden soll.
Sexualkunde wird auf der Kindergarten- und Primarstufe eben gerade nicht systematisch unterrichtet. Es gibt meist zwei Möglichkeiten, wie Sexualität am Kindergarten zum Thema wird: Die Kindergärtnerin ist schwanger. Oder eines der Kinder bekommt ein Geschwister. Dann ist es richtig, wenn die Lehrperson reagieren kann. Systematischer Sexualkundeunterricht findet erst auf der Sekundarstufe statt.

In Ihrem Leitfaden steht auch, dass Kindergärtler schon lernen sollen, «dass Berührungen lustvoll sein können».
Ich sehe, dass man diesen Satz missverstehen kann. Es geht nicht um «touch me, feel me». Wir wollen den Kindern sagen, dass es Berührungen gibt, die sie vielleicht noch lustig finden, wo sie aber auch Nein sagen sollten. Es geht um den Schutz der sexuellen Integrität der Kinder, die leider schon im Kindergartenalter zu Opfern sexueller Gewalt werden können. Für diesen Schutz muss die Schule in aller Sorgfalt – ohne Brechstange – auch etwas tun.

Trotzdem, der Inhalt des Sex-Koffers ist vielen Eltern zu explizit. Und das lässt sich ja wohl kaum abstreiten.
Ich wünschte mir, dass Kinder zu Hause aufgeklärt würden. Die Realität sieht leider anders aus. Der Koffer ist nur ein Hilfsmittel. Ein Teil der Lehrkräfte setzt ihn ein, ein Teil nicht – aber immer stufengerecht. Ich vertraue den Lehrerinnen und Lehrern, dass sie sorgfältig damit umgehen. Wir leben nun einmal in einer übersexualisierten Gesellschaft. Es gibt eine unkontrollierte Verbreitung von Material, an das auch schon kleine Kinder herankommen. Manche Primarschüler kennen das TV-Programm bis nachts um 2 Uhr. Diesen Kindern wollen wir einen Halt bieten, den sie in der Familie oft nicht haben. Aber ich nehme die Argumente der Kritiker ernst; ich habe eine Überprüfung des Koffers angeordnet.

Mit welchem Ergebnis?
Bei einem Buch ist der Inhalt so explizit, dass man sich fragen kann, ob das notwendig ist. Bei einem ­anderen Lehrmittel fand ich das Titelbild geschmacklos. Es kommt raus, ebenso die Handreichung.

Aber dispensieren können sich Kinder von der Sexualkunde nicht, wie das manche fordern. Warum nicht?
Ich bin strikt dagegen, obwohl ich weiss, dass ich mir damit nicht nur Freunde schaffe. Aber: Die Volksschule ist vielleicht die einzige grosse Klammer, die die Gesellschaft in unserem Land noch hat. Die gemeinsamen Werte, die sie vermittelt, sind sehr wichtig. Ich möchte diese Klammer unbedingt behalten. Der Aufklärungsunterricht kann so erteilt werden, dass er nicht verletzt.

Aber ist es nötig, dass Primarschüler «die Bedeutung der gängigsten sexualisierten Schimpfwörter kennen», wie es in Ihrem Leitfaden heisst? Das klingt so, als sollten Schüler fluchen lernen, genauso wie sie lesen und schreiben lernen.
Gut, dass Sie das zur Sprache bringen – ich habe extra nachgefragt. Ich muss jetzt mal politisch inkorrekt werden und ein Beispiel nennen. Auf dem Pausenplatz fallen die Worte wie «F*** dich!» oder ähnlich. Die Lehrperson muss intervenieren. Wenn sie den Schülern klarmachen will, dass eine solche Sprache unanständig, verletzend und unerwünscht ist, muss sie sie erklären können. Die Realität ist: Solche Wörter lernen Schüler nicht in der Schule. Auch da gilt: Lehrpersonen können offensiver oder defensiver sein. Ich traue meinem Lehrpersonal das nötige Fingerspitzengefühl zu.

Und wozu sollen Holzpenisse gut sein?
Auch da ein Beispiel: Realität ist, dass es Buben gibt, die schon mit 13 mit einem Macho-Gehabe auftreten und bluffen. Dann kann es richtig sein, dass die Lehrpersonen die Fakten, wie sie sind, zeigen können. Wir haben in Basel heterogenere Klassenverhältnisse als in Frankfurt oder Berlin – ein buntes kulturelles Gemisch. Es gibt Familien, in denen Sexualaufklärung ein Fremdwort ist. Da ist es ein Auftrag der Schule, einen gemeinsamen Nenner zu bieten.

Eine weitere Kritik lautet, mit dem Unterricht werde feministische Ideologie transportiert.
Ich kann mit diesem Vorwurf schon sprachlich wenig anfangen. Unsere Schule und Pädagogik gründen nicht auf «Ismen» und Ideologien, sondern auf einem Ideal: dass Kinder und Jugend­liche gestärkt werden und gut vorbereitet in unsere Gesellschaft und Arbeitswelt hineinwachsen können.

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