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Pädophilie nicht mit Kindesmissbrauch gleichsetzen

30.11.2010, 8:54 Uhr

"Pädophilie ist kein Kindesmissbrauch": Sexualforscher Klaus Baier spricht im Interview über die Unterschiede. (Bild: imago)„Pädophilie ist kein Kindesmissbrauch“: Sexualforscher Klaus Baier spricht im Interview über die Unterschiede. (Bild: imago)

Klaus Beier gilt als einer von Deutschlands renommiertesten Sexualwissenschaftlern. Mit dem Projekt „Dunkelfeld – Kein Täter werden“ berät und therapiert er am Berliner Universitätsklinikum Charité seit 2005 kostenlos pädophile Männer. Außerdem begutachtet Beier Sexualstraftäter in Gerichtsverfahren. Im Interview spricht er über Pädophile und ihre Verantwortung mit ihrer Neigung umzugehen.

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Was ist Pädophilie?

Pädophilie bezeichnet die sexuelle Ansprechbarkeit für das kindliche Körperschema. Pädophile denken bei der Selbstbefriedigung nicht an sexuelle Kontakte mit Erwachsenen, sondern stellen sich diese mit Kindern vor – entweder mit Jungen oder mit Mädchen, selten mit beiden Geschlechtern. Wenn eine Ansprechbarkeit auf das jugendliche Körperschema besteht, spricht man von Hebephilie, wobei man sich klar machen muss, dass die Pubertät durchschnittlich im Alter von elf Jahren beginnt.

Sind Pädophile krank?

Es handelt sich um eine Störung der sexuellen Präferenz, die die Weltgesundheitsorganisation als eigenständiges Krankheitsbild klassifiziert. Das wird auch dadurch nachvollziehbar, dass die Betroffenen sehr häufig selbst unter ihrer Ausrichtung leiden oder aber andere Schaden nehmen können, nämlich wenn die Neigung ausgelebt wird.

Wie viele Menschen haben diese Neigung und warum?

Nach einer deutschen Studie kann man davon ausgehen, dass rund ein Prozent der männlichen Allgemeinbevölkerung eine pädophile Neigung hat. Vorsichtig kalkuliert wäre hiernach in Deutschland mit mindestens 250.000 Betroffenen im Alter zwischen 18 und 75 Jahren zu rechnen. Bei Frauen wird eine Pädophilie so gut wie gar nicht diagnostiziert. Warum jemand pädophil ist, wissen wir ebenso wenig, wie wir wissen, warum jemand hetero- oder homosexuell ist.

Kann der Pädophile seine Neigung beeinflussen?

Nein, das kann er ebenso wenig wie ein Homo- oder ein Heterosexueller. Die sexuelle Präferenz manifestiert sich im jugendlichen Alter und kann danach nicht verändert werden. Der Pädophile ist darum für seine Neigung genauso wenig verantwortlich zu machen wie ein Homo- oder Heterosexueller.

Das klingt, als würden Sie Kinderschänder verteidigen.

Die Pädophilie ist eben nicht mit sexuellem Kindesmissbrauch gleichzusetzen. Es ist ein Unterschied, ob ein Mensch eine bestimmte Neigung hat oder ob er sie auslebt. Wegen seiner sexuellen Fantasien sollten wir daher niemanden verurteilen, auch keinen Pädophilen. Wegen seines Verhaltens schon. Wer eine pädophile Neigung hat, muss daher die volle Verantwortung dafür übernehmen, dass er seine Neigung niemals auslebt, weil er sonst Kindern schweren Schaden zufügen könnte.

Es ist also nicht jeder Pädophile ein Kinderschänder – aber ist jeder Kinderschänder ein Pädophiler?

Nein. Wir gehen davon aus, dass rund 60 Prozent aller sexuellen Übergriffe auf Kinder sogenannte Ersatzhandlungen sind. Das heißt, die Täter sind nicht pädophil, sondern sexuell auf erwachsene Sexualpartner ausgerichtet. Sie missbrauchen aber dennoch Kinder, zum Beispiel aufgrund einer Persönlichkeitsstörung, aufgrund soziosexueller Unerfahrenheit, etwa bei Jugendlichen, aufgrund eingeschränkter psychosozialer Kompetenz etwa bei geistiger Behinderung, aber auch im Rahmen allgemein grenzverletzenden innerfamiliären Verhaltens von Vätern, Stiefvätern oder älteren Brüdern. 40 Prozent der Taten sind hingegen auf einen pädophilen Motivationshintergrund des Täters zurückzuführen.

Üben auch Pädophile Gewalt aus?

Durch ihre Überlegenheit immer, aber meist eben nicht körperlich. Sie wünschen sich eine partnerschaftliche Beziehung mit dem Kind, in der es dann aber auch zu sexuellen Kontakten kommen soll. Hier trennt sich die Gruppe der Pädophilen vereinfacht gesagt in zwei Untergruppen. Die einen erkennen, dass sie den Kindern mit sexuellen Annäherungsversuchen schweren Schaden zufügen können. Viele von ihnen sind deswegen verzweifelt, im besten Fall suchen sie Hilfe, zum Beispiel am hiesigen Institut. Die zweite Gruppe handelt dagegen völlig unverantwortlich. Sie leben ihre Neigung aus und rechtfertigen das damit, dass die Kinder angeblich keinen Schaden nehmen oder den Sex sogar selbst wollen. Hier wird aus reinem Wunschdenken die Welt zurecht gebogen, um sich eine Legitimation für die Erfüllung der eigenen Bedürfnisse auf Kosten der Kinder zu verschaffen. Ein Kind wünscht sich körperliche Nähe und Geborgenheit mit einer nahe stehenden, wirklich gemochten Bezugsperson, aber definitiv keinen Sex mit Erwachsenen. Kinder haben auch gar nicht die Möglichkeit frei zu entscheiden, weil sie die Folgen für ihr weiteres Leben noch gar nicht absehen können. Darum bedürfen sie ja unseres besonderen Schutzes.

Veröffentlicht Dezember 1, 2010 von liebeslehre in sex. statistik/forschung

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