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Pädophile im Chatroom

Wem nützt ein medialer Pranger?

In der Sendung „Tatort Internet“ werden mutmaßliche Pädophile verfolgt. Doch wie gefährlich ist das Internet wirklich für Kinder? VON CAROLIN PIRICH

Wird das Thema Kindesmissbrauch für höhere Zuschauerzahlen missbraucht? RTL II widmet sich dem Thema Pädophilie im Netz. Foto: rtl2

Die einfachen Mittel sind oft die wirkungsvollen: Orchestermusik verkündet Unheil; Betroffenheit lässt die Stimme des Moderators belegt klingen; rote Buchstaben leuchten auf schwarzem Grund wie auf einem Horrorfilmplakat der 80er Jahre: „Tatort Internet“ heißt die Sendung, zu sehen auf RTL 2, und eine entsprechende dramatische Bild- und Tonsprache gehört hier einfach dazu.

„Tatort Internet“ jagt Pädophile. Im Chat verabredet sich ein Mann Mitte zwanzig mit einer angeblich Dreizehnjährigen, und wenn er zum Treffen kommt, erwartet ihn bei einer Folge zum Glück kein Mädchen oder Junge, sondern eine strenge Journalistin mit schmalem Gesicht. „Was tun Sie hier?“, verhört sie den Mann. Dessen Gesicht und Körper sind verpixelt; die Hautfarbe verschwimmt mit der Farbe des Pullis, den er trägt, aber man kann ahnen, wie groß und von welcher Statur der Mann ist.

Die Journalistin fragt weiter. „Was würde Ihre Frau dazu sagen? Haben Sie selber Kinder? Warum brechen Sie jetzt zusammen?“ Der Mann sagt „Katastrophe“. Man sieht verschwommen, wie er seine Hände vors Gesicht legt, dann schweigt er, Abblende.

RTL 2 bleibt schwammig

Nachdem der Leiter eines Würzburger Kinderdorfes von der versteckten Kamera gefilmt worden war, wurde er von der Caritas entlassen und verschwand. Erst warf die Caritas der Redaktion von „Tatort Internet“ Verantwortungslosigkeit vor. Fünf Monate lang hatten die Macher den Arbeitgeber nicht darüber informiert, dass ein mutmaßlich Pädophiler das Kinderdorf leitete. Dann wurde befürchtet, der Mann könnte sich etwas antun. Inzwischen weiß man über seinen Verbleib; ein Ermittlungsverfahren hat begonnen.

Deutschlandweit bekannt wurde „Tatort Internet“ vor allem durch den Auftritt von Stephanie zu Guttenberg. Die Ehefrau des Verteidigungsministers und Umfragenkönigs Karl-Theodor zu Guttenberg engagiert sich seit langem gegen Kindesmissbrauch und trat als Ko-Moderatorin auf. In der Debatte, die die Sendung seitdem ausgelöst hat, gilt „Tatort Internet“ vor allem als ein Pranger, an dem Pädokriminelle vorgeführt werden.

Die Wirkung der Sendung ist umstritten, was RTL 2 mehr zu nutzen scheint als der Verbreitung des Themas. Am Dienstag will die Kommission für Zulassung und Aufsicht der Landesmedienanstalten überprüfen, ob Persönlichkeitsrechte und journalistische Standards verletzt werden. Dabei geht es nicht nur um die Machart einer Sendung im Boulevardfernsehen. Es geht auch darum, ob das Boulevardfernsehen das ernste Thema Kindesmissbrauch für höhere Zuschauerzahlen missbraucht. Es geht weniger um das Thema an sich.

Wie groß ist die Gefahr tatsächlich, dass pädophil veranlagte Männer ihre Opfer im Internet suchen und finden? Eine klare Stütze für eine Aussage wären Zahlen. Aber die Einschätzung, welche Aussagekraft diese Zahlen haben, ist nicht so einfach.

In der Sendung „Tatort Internet“ entscheidet man sich dafür, schwammig bleiben. Der Moderator spricht davon, dass „kriminelle Machenschaften“ im Internet zunähmen. Die Statistik des Bundeskriminalamtes dagegen ist konkret, aber kompliziert.

Das Cybergrooming, der Versuch, Kontakt mit einem Kind über das Internet aufzubauen mit dem Ziel, es sexuell zu missbrauchen, fällt im Strafgesetzbuch unter Paragraf 176, Absatz 4, Nummer 3 und 4. Dabei geht es um das „Einwirken auf ein Kind durch Schriften“ oder „durch entsprechende Reden“, um es zu sexuellen Handlungen zu bringen. Ob der Täter einen Brief oder eine E-Mail schreibt, im Chat oder auf der Straße das Kind anspricht, wird nicht unterschieden.

Jedenfalls zeigt die Statistik einen Anstieg um 4,8 Prozent von solchen Handlungen. 2008 waren es 875 Fälle, 2009 zählt das Bundeskriminalamt 913. Die Dunkelziffer bleibt per Definition ungewiss; Schätzungen will man im Amt nicht abgeben.

Geht der Täterschutz vor?

Diese konkreten Zahlen sagen nicht unbedingt etwas aus. Einen Trend könne man an ihnen jedenfalls nicht ablesen, sagt Rudolf Egg von der kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden. Er beschäftigt sich seit mehr als zehn Jahren mit Cybergrooming. Am Anfang, als das Chatten neu war, sei die Gefahr höher gewesen, dass ein Pädophiler eine falsche Identität wie eine Maske benutzt und im Internet auf Opfer trifft.

„Jugendliche wissen heute, dass sie vorsichtig sein müssen“, sagt Rudolf Egg, außerdem klärten sie sich über Gefahren häufig selbst auf. In der Diskussion um die Sendung „Tatort Internet“ werde aber auch übersehen, „dass ein Kernpädophiler Kinder vor der Pubertät sucht. Und die sind im Internet nicht in dieser Zahl vertreten.“ „Tatort Internet“ verängstige und verwirre, anstatt aufzuklären, selbst wenn die Produzenten erklärten, das zu wollen.

In Organisationen, die sich für den Kinderschutz einsetzen, gehen die Meinungen auseinander, was die tatsächliche Bedrohung durch Cybergroomer betrifft. Sie stützen sich auch auf unterschiedliche Daten. Silke Noack zählt die E-Mails, die bei den Mitarbeitern des Informationsnetzwerks Save-me-online eingehen. Bei jeder Ausstrahlung von „Tatort Internet“ werden E-Mail-Adresse und Telefonnummer von Save-me-online eingeblendet, dann würden sie „zugeschüttet mit Mails“, sagt die Geschäftsführerin. Nach jeder Sendung erhalten die Mitarbeiter 80 bis 100 E-Mails von Jugendlichen, die von „sexuellen Anmachen“ im Netz berichten.

Nicht so leicht zählen lassen sich die Nachrichten, die auf den ersten Blick nichts Sexuelles ansprechen. „Die Pädophilen sind meistens erst verständnisvoll, lieb, geheimnisvoll“, sagt Noack. Sie bauen eine Beziehung auf, geben sich eine für Jugendliche attraktive Identität, als Rockstar zum Beispiel. Die Mädchen und Jungen glaubten oft, das Internet sei real. Sie rate Eltern deshalb, ihren Kindern einmal Rollen vorzuspielen, damit sie sehen, wie leicht man im Netz vorgeben kann, jemand anderes zu sein.

Wenn die Sendung nur 1.000 Kinder erreicht, dann sei das schon ein Erfolg, sagt Noack. Ihre Meinung über den Umgang mit Pädokriminellen in der Sendung ist ebenso eindeutig. „Bei der ganzen Aufregung über die Sendung haben wir das Gefühl, Täterschutz geht vor Opferschutz.“

Paula Honkanen-Schoberth vom Deutschen Kinderschutzbund zählt nicht E-Mails, sondern nennt eine aktuelle EU-Studie, „EU-Kids-Online“. Hier wurden europaweit 23.000 Kinder zwischen 9 und 16 Jahren und Erwachsene zur Internetnutzung befragt. 12 Prozent der Kinder geben an, im Internet schon unangenehme Erfahrungen gemacht zu haben, wozu auch sexuelle Nachrichten zählen, aber nur 3 Prozent empfinden die Erfahrung als „sehr beunruhigend“.

In Deutschland sind die Kinder weniger betroffen, denn sie nutzen laut der Studie das Internet weniger als im europäischen Durchschnitt.

Das Risiko, Opfer eines Cybergroomers zu werden, sei zwar vorhanden, fasst Honkanen-Schoberth zusammen. „Aber man darf nicht vergessen, dass der Missbrauch an Kindern häufig in ihrem unmittelbaren Familien- und Bekanntenkreis stattfindet.“ Sie empfiehlt deswegen „besonnene, ruhige Gespräche“ mit Kindern, dass sie Vertrauen fassten, über ihre Erfahrungen zu sprechen. Ein aufgeregter Umgang mit dem Thema verunsichere Kinder nur noch mehr. Das Format der Sendung und die Debatte darüber „verbreitet dagegen mehr Angst, als dass für Eltern und Kinder hilfreich mit diesem schwierigen Thema wäre“.

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